Grundlage für den 100jährigen Kalender

Schon in seiner Studienzeit hatte sich Mauritius Knauer für die Astrologie begeistern können. Damals gab es eine astrologische Lehrmeinung, nach der die Gestirne, insbesondere die Planeten in einer bestimmten Reihenfolge jeweils für ein Jahr auf alle irdischen Geschehnisse und damit auch auf die Witterung einen beherrschenden Einfluss ausüben. Damals wurden zu den sieben Planeten auch Sonne und Mond gezählt und folgte man der Überlegung, reichte es eben aus, sieben Jahre das Wetter zu beobachten, ums o auf das weitere Wetter schließen zu können.

Deckblatt Hundertjähriger Kalender
Deckblatt Hundertjähriger Kalender
Und so machte sich Abt Knauer daran und stellte sorgfältige Beobachtungen und Aufzeichnungen über das tatsächliche Wetter in der Zeit zwischen dem 21. März 1652 und dem 20. März 1659 an. Denn folgte man der Planetenlehre, dann würde sich da Wetter nach diesem siebenjährigen Zyklus wiederholen und wiederholen und wiederholen.

Sieben Jahre genaue Aufzeichnungen und Beobachtungen versprachen demnach die Erstellung eines ewige, immer gültigen Witterungskalenders.

Zwar sind seine Aufzeichnungen sehr viel umfangreicher, aus seinen Beobachtungen lässt sich den sieben Planeten (bzw. Himmelskörpern) folgender Witterungscharakter zuordnen:

1 Saturn kalt und feucht, viel Regen im August und Herbst.
2 Jupiter ziemlich warm, mehr feucht als trocken, ein spätes Jahr.
3 Mars gewöhnlich mehr trocken als feucht.
4 Sonne Viel mehr trocken als feucht und mittelmäßig warm.
5 Venus Mehr feucht als trocken, ziemlich warm und schwül.
6 Merkur Mehr trocken als feucht und mehr kalt als warm.
7 Mond gewöhnlich mehr feucht als trocken und mehr kalt als warm.

Knauer beginnt seine Wetterbeobachtungen am 21. März, dem Tag der Frühlingsgleiche, und nicht am 1. Januar.

Hundertjähriger Kalender und Bauernregeln

Schon zu Zeit von Knauer kannte man Bauernregeln. Häufig wurde an viel beachteten Lostagen (zum Beispiel Eisheilige) das Wetter genommen, um darauf Rückschlüsse für das spätere Wetter zu schließen. Knauer äußerte sich zu den Lostagen im Winter. Da für ihn das Planetenjahr im März beginnt, fallen die Lostage an das Ende der Regierung eins Planeten und daher könne man dann keine Rückschlüsse auf das von einem anderen Planeten beherrschte Wetter des künftigen Jahres oder Sommers zulassen. Damit erteilte er wohl Bauernregeln, zumindest wenn diese Beobachtungen von vor der Frühlingsgleiche mit Vorhersagen für danach koppelte eine Absage. Allerdings machte Knauer auch Zugeständnisse. Wenn der Saturn für einen sehr kalten Winter gesorgt hat, könne der warme Jupiter nicht am 21. März sofort wirken. Denn auch die guten Eigenschaften des Jupiters würden eine gewisse Zeit benötigen, um wirksam zu werden.

Knauer beobachtete für seinen Hundertjährigen Kalender aber nicht nur das Wetter. Er stellte noch weitere Angaben auf:

  • Witterungsvorhersagen für das gesamte Jahr und die vier Jahreszeiten (Frühling, Sommer, Herbst und Winter).
  • Richtlinien und Angaben für den Sommer- und Winteranbau sowie für die Herbstsaat.
  • Die Ernteaussichten für Obst, Hopfen, den Weinbau und die Fischerei.
  • Allgemeine Regeln für alle Jahre (Sonnenfinsternis, Kometen).
  • Mitteilungen über das Auftreten von Winden (Stürmen), Güssen (Überschwemmungen), Ungewittern, Ungeziefern und Krankheiten.

Die Particular-Witterung für die Monate der Herrschaft des jeweiligen Jahresregenten (Planeten), beginnend mit dem 21. März.

Knauers Ziel war es einen Leitfaden zur Verbesserung und Entwicklung der Landwirtschaft zu entwickeln – der Titel Hundertjähriger Kalender kam erst später auf.

Verbreitung des Hundertjährigen Kalenders

Ursprünglich war der Hundertjährige Kalender von Abt Mauritius Knauer zum Gebrauch im eigenen Kloster und für die Landwirte in der Umgebung gedacht gewesen. Aber das Calendarium fand großen Zuspruch und so wurden schnell weitere Abschriften hergestellt und an die Konventualen der Klöster Langheim und Banz verteilt. Das Publikum wurde aber immer Größer, die Nachfrage stieg und so wurden Exemplare teils zu hohen Preisen gehandelt. Von den Abschriften wurden weitere Kopien angefertigt und bald reichte der Verbreitungsbereich des Hundertjährigen Kalenders bis nach Böhmen, Ungarn und tief nach Rußland hinein.

Von den frühen Abschriften sind heute noch einige erhalten. Es gibt sogar noch ein Exemplar, das Knauers Originalaufzeichnungen enthält und in der ehamaligen Königlichen Bibliothek Bamberg liegt.

Eine Abschrift gelangte dann in die Hände des aus Kölleda in Thüringen stammenden und seit 1712 in Erfurt lebenden Arztes Dr. Christoph von Hellwig (1663-1721). Und dieser nahm den Kalender und ließ ihn im Jahr 1701 in Erfurt drucken. Besonders gut war seine Kopie aber wohl nicht. Allerdings hatte das Buch einen neuen Titel erhalten:

Hundertjähriger Kalender Deckblatt
Hundertjähriger Kalender Deckblatt

Auf Hundert Jahr gestellter Curiöser Calender
Nemlich von 1701 bis 1801. Darinnen zufinden
Wie ein jeder Hausvater
Hohen und niedrigen Standes
Solche ganze Zeit über nach der sieben planten Influenz judiciren
Und ein Hauswesen mit Nuten einrichtenmöge; auch mit Kupferstichen vermehret
Etc.

Auch von diesem Plagiat erschienen bald Neuauflagen. Immerhin blieb Knauer erspart, dass seine Aufzeichnungen als Hellwig-Kalender bekannt wurden, denn ein erfurter Buchhändler namens Weinmann kam 1721 auf die Idee, den kurzen und einprägsamen Namen Hundertjährigen Kalender zu verwenden.

Teilsweise war der Hundertjährige Kalender so beliebt, dass er neben der Bibel zu den Verbreitesten Druckerzeugnissen gehörte. Gedruckt wurde aber immer wieder die schlechte Kopie Hellwigs mit all ihren Fehlern.

Bücher über den Hundertjährigen Kalender und Abt Knauer

Im Selbstverlag des Deutschen Wetterdienstes erschien 1973 Band 8 der Annalen der Meteorologie, Die Entwicklung der meteorologischen Beobachtungen in Franken und Bayern bis 1700 von Fritz Klemm. Neben dem Hundertjährigen Kalender beschäftigt sich Fritz Klemm auch mit anderen Wetteraufzeichnungen, die früheste davon von einem Magister Enno, entstanden in Würzburg zwischen 1331 und 1345.
Annalen der Meteorologie, Fritz Klemm